Heute nehme ich euch in eine Geschichte aus 1. Könige 13 mit.
Da ist dieser Mann. Er erhält eine Botschaft von Gott für den König von Israel. Also macht der Prophet (so nennen wir ihn) sich auf den Weg. Als der Prophet dem König begegnet, sagt er ihm, dass dessen Herrschaft nicht von Dauer sein wird. Daraufhin will der König den Propheten sofort töten lassen. Doch als der König mit dem Finger auf den Propheten zeigt, wird seine Hand taub – gelähmt – so schreibt es die Bibel. Als der König das merkt, ändert dieser seine Meinung und lässt den Propheten nicht töten. Im Gegenteil, er bittet den Propheten darum, für ihn zu beten, damit die Hand wieder gesund wird. Der Prophet betet für den König und die Hand wird wieder gesund. Dann bittet der König den Propheten darum, ihn in seinen Palast zu begleiten und mit ihm zu essen und zu trinken. Doch der Prophet erwidert, dass Gott ihm geboten hat, in der ganzen Zeit, in der er in Israel ist, nicht zu essen oder zu trinken. Also lässt der König den Propheten ziehen, der auf einem anderen Weg nach Hause geht, als er gekommen ist.
Nun findet ein Perspektivwechsel statt. Die Bibel schreibt von einem anderen Propheten – den sie den „alten Propheten“ nennt – der von dem Propheten (um den es schon die ganze Zeit geht) hört. Der alte Prophet bringt in Erfahrung, auf welchem Weg der Prophet sich befindet, und geht zu ihm. Dann lädt der alte Prophet den Propheten zu sich nach Hause ein, um dort mit ihm zu essen und zu trinken. Doch der Prophet erwidert, dass er nicht mitkommen kann, da Gott ihm geboten hat, in Israel weder zu essen noch zu trinken.
Dann passiert es: Der alte Prophet lügt den Propheten an und sagt ihm, dass Gott zu ihm gesprochen habe und dass der Prophet mit ihm mitkommen soll, um zu essen und zu trinken. Der Prophet fällt auf den Alten rein und geht mit ihm nach Hause. Als sie gerade beim Essen sind, erhält der alte Prophet eine Botschaft von Gott. In dieser Botschaft teilt Gott dem alten Propheten mit, dass der Prophet sterben wird, weil dieser nicht auf ihn gehört hat. Dann essen die Beiden noch zu Ende und der Prophet macht sich auf den Heimweg. Für den Weg bekommt der Prophet den Esel des alten Propheten. Irgendwann auf dem Heimweg, wird der Prophet von einem Löwen angefallen und getötet. Der Löwe und der Esel bleiben neben dem Propheten stehen. Dann erhält der alte Prophet die Nachricht, dass der Prophet getötet wurde, noch auf der Straße liegt und dass der Löwe, der ihn getötet hat, und der Esel, auf dem der Prophet geritten ist, ebenfalls noch danebenstehen. Der alte Prophet macht sich auf, holt den Leichnam (dabei sieht er den Löwen und den Esel, die immer noch danebenstehen), beerdigt den Toten in einem Grab, trauert um ihn und lässt anordnen, dass er nach seinem Tod direkt bei diesem Propheten beerdigt werden will.
Ok, jetzt einmal kurz durchatmen – alles verstanden? Wenn nicht, dann lies diese doch sehr interessante Story nochmal! (Das die Propheten keine Namen haben, war nicht meine Idee 😊 – so ähnlich steht es auch im Originaltext der Bibel.)
Ich weiß nicht, wie es dir beim Lesen dieser Geschichte geht, aber bei mir tun sich viele Fragen auf (die ich nicht alle aufgeschrieben habe).
Die Wichtigste zuerst: Warum um alles in der Welt steht diese Geschichte in der Bibel?! Warum haben die beiden Propheten keine Namen? Weshalb lügt der Alte den Propheten an? Weshalb hört der Prophet auf den Alten? Weshalb essen die Beiden weiter, nachdem sie so eine schlimme Nachricht von Gott bekommen haben? Weshalb findet die Bibel es wichtig uns mitzuteilen, dass der Esel und der Löwe die ganze Zeit neben dem toten Propheten stehen? Häh?!
Ich habe keine Antworten auf die Fragen. Aber genau darum geht es mir heute.
Was tun wir mit offenen Fragen, die sich beim Lesen der Bibel auftun?
Was tun wir mit offenen Fragen, die sich generell in unserem Leben auftun?
Oft neigen wir meiner Ansicht nach dazu, schnell eine Antwort auf unsere Fragen formulieren zu wollen.
So könnte dann z.B. eine etwas oberflächliche Auslegung zu der von mir nacherzählten Textpassage aussehen: „Diese Geschichte zeigt uns, dass wir immer tun sollten, was Gott uns sagt, sonst könnte es schlimme Folgen haben!“
Heute möchte ich bewusst dazu einladen, einen anderen Weg zu wählen, als den der „direkten“ Auslegung oder Erklärungsfindung.
Denn oft gibt es auf unsere Fragen keine eindeutigen Antworten – auch theologisch nicht.
Die Einladung beinhaltet, dass wir zunächst schauen, was der Text – oder die Lebensphase – mit uns macht: Welche Fragen stellen sich mir? Welche Gedanken tun sich mir beim Lesen/Leben auf? (Einige meiner Fragen habe ich weiter oben bereits aufgeschrieben.)
Mit diesen Gedanken und Fragen können wir dann direkt zu Gott gehen, sie ihm stellen und warten. Ich habe erlebt, dass gerade herausfordernde biblische Texte – und herausfordernde Lebensphasen –, eine einzigartige Fülle mit sich bringen.
In dem Prozess des Fragens und Wartens, können sich dann wiederum neue Fragen auftun. Dabei lohnt es sich, ehrlichen Herzens nach einer aufrichtigen Antwort zu suchen.
So könnten die neuen Fragen dann aussehen:
„Vernachlässige ich manchmal das, was ich als Reden Gottes wahrgenommen habe?“
„Weshalb höre ich manchmal auf andere, obwohl ich einen anderen Weg einschlagen wollte?“
Oder:
„Weshalb muss der Prophet in der Geschichte auf so grausame Art und Weise sterben?“ – „Weshalb stört mich das? Was denke ich, wie Gott ist?“
(Bezogen auf eine herausfordernde Lebensphase, können die Fragen ähnlich oder inhaltlich ganz anders aussehen. Hauptsache ist, die Fragen werden wahrgenommen und an den richtigen Adressaten – Gott – gerichtet.)
Mir geht es mit diesem Beitrag unter anderem darum, dass biblische Texte dafür genutzt werden, um auf sehr persönlicher und individueller Ebene in einen Austausch – und vielleicht auch mal in eine Auseinandersetzung – mit Gott zu kommen.
In Liebe
Christine
PS: Teilt mir gerne eure Gedanken zu dieser Bibelgeschichte mit! Ich konnte der Textpassage oftmals viel Humor abspüren, wie man vielleicht das ein oder andere Mal gemerkt hat 😉